Das Leben "ultra" machen!

Meine Augen funkeln.

Sie kleben am Bildschirm meines Laptops.

Ich sehe mir die Webseite eines Ultralaufs über fünfzig Kilometer an. Einmal um den Bielersee mit Abstecher auf die St. Petersinsel.

 

«Fang klein an, mach erst einmal ein paar kürzere Läufe. So gross bist du auch wieder nicht», warnt mich mein Ego. Stimmt. Die Marathondistanz bin ich erst einmal gelaufen. Vielleicht ist ein solcher Lauf tatsächlich zu krass für mich.

Doch das Funkeln in meinen Augen bleibt.

Zwei Tage später fülle ich das Anmeldeformular des Laufveranstalters aus und schicke es ab. Ich fasse es nicht, dass ich in einigen Monaten auf einer Ultrastrecke unterwegs sein werde! Ich bin jetzt schon aufgeregt, es kribbelt und rumort in meinem Darm. So sehr, dass ich schlagartig Durchfall bekomme und auf’s Klo renne. Meine Darmzotten freuen sich eben auf ihre Art.

 

Ich kaufe mir Bücher über dieses «Ultra»-Ding und lasse mir Tipps von Fachpersonen geben. Ich erstelle mir einen Trainingsplan und das Abenteuer beginnt.

 

Einige Monate später stehe ich im Startgelände in einer überschaubaren Läufergruppe. Der Lauf beginnt und ich bin damit beschäftigt, meine Zweifel zur Seite zu schieben und nicht allzu schnell loszulaufen. Schliesslich will ich körperlich gesund im Ziel ankommen. Doch davon bin ich noch mehr als neunundvierzig Kilometer entfernt.

«Was hat dich dazu bewegt, an diesem Lauf teilzunehmen?», eine Läuferin beginnt ein Gespräch.

Ich erzähle über die Wichtigkeit des Laufens in meinem Leben und deute auf meinen vernarbten Arm. Etwas erstaunt und erschrocken über meine offene Antwort stelle ich meine Sprache wieder ein. Ich bin gerade mit der Tür in’s Haus gefallen, was ich selten von mir kenne. Doch meine Gesprächspartnerin nickt verständnisvoll und erzählt ebenfalls persönliche Ereignisse. Wir tauschen uns über Gott und die Welt aus, während ich gar nicht bemerke, die ersten zehn Kilometer bereits gelaufen zu sein. Am ersten Verpflegungsposten verabschieden wir uns. Sie mag noch etwas essen und ich entscheide mich, weiterzulaufen.

 

Auf den nächsten Kilometern habe ich ständig das Gefühl, mich zu verlaufen. Als Wegmarkierung gibt es lediglich aufgesprühte Pfeile am Boden, falls sich die Laufrichtung ändert. Ansonsten darf ich geradeaus laufen, so war jedenfalls die Einführung kurz vor dem Start. Wasserbrunnen dienen als offizielle Wasserstationen, Zuschauer und Läufer kann ich gerade nirgends erkennen.

Ich laufe alleine in einer Gegend, in der ich mich nicht auskenne. Das ist praktisch ein Kulturschock zum Marathonlauf, an dem auf abgesperrten Strassen mit tausenden von Läuferfans gerannt wird. Ich habe nur mich. Es macht mir etwas Angst, doch dann formuliere ich den Satz um: Ich habe mich. Das tut gut.

Ich lasse meine Gedanken schweifen.

 

Inzwischen bin ich bei Kilometer zweiundzwanzig und renne direkt auf die Insel zu. Der Wind bläst nun mit voller Wucht in meine Richtung. Ich muss die Augen zukneifen und halte mir die Hände vors Gesicht, um mich vom aufgewirbelten Sand etwas zu schützen. Der Wind hört und hört nicht auf. Ich reduziere meinen Laufschritt drastisch und komme kaum vom Fleck.

Meine Stimmung kippt.

«Was zum Teufel mache ich eigentlich hier?», frage ich mich. Ich bin gereizt. Es ist die erste bedrückende Frage an diesem Tag. Ich verfluche mich und das Wetter, wünsche mir ein Sofa in Kombination mit einer flimmernden Kiste herbei. Möglichst jetzt.
Doch da ist nix. Ausser einer Strasse mit Kieselsteinen und Dreck und ein paar Bäume am Wegesrand.

Ich kämpfe mich mühsam Schritt für Schritt voran. Lange Minuten verstreichen, in denen ich die meiste Energie für den Kampf in meinem Kopf verbrauche.

 

Dann fällt mir ein Rollstuhlfahrer auf, welcher sich neben der Strecke positioniert hat. Er strahlt mich an und klatscht in seine Hände. Ich blicke kurz um mich, doch ausser mir ist niemand auf diesem Streckenabschnitt. Er klatscht tatsächlich wegen mir. Er feuert mich an.

In diesem Bruchteil der Sekunde schäme ich mich für die Gedanken der letzten Minuten. Was fällt mir ein, über das Wetter zu jammern und mir ein Sofa zu wünschen? Ich habe zwei gesunde Beine und die Möglichkeit, an einem grossen Event teilzunehmen. Mir wird bewusst, nicht alle haben diese wunderbare Chance.

Diese Sichtweise löst die negative Gedankenspirale Schritt für Schritt auf. Und spätestens beim nächsten Pfeil am Boden bin ich wieder bei meinen Kräften - denn es tut gut zu wissen, dass ich mich anscheinend noch nicht verlaufen habe.

«Herzlich Willkommen am Bielersee», steht auf einem grossen Schild neben dem Laufweg. Bielersee – meine Augen werden schlagartig wässrig. Sofort denke ich an eine mentale Übung: Als Vorbereitung habe ich wo überall möglich «Bielersee ich komme!!» mit einem lachenden Smiley hingeschrieben. Auf dem Kühlschrank, als Desktop-Hintergrund am Computer, als Post-it-Zettelchen auf dem Nachttischchen, als Hintergrund auf meinem Handy, am Arbeitsplatz, auf meiner Hand. Über etliche Wochen war mein Geist diesem grinsenden «Bielersee-Schriftzug» ausgesetzt, um ihn auf diesen Lauf vorzubereiten. Jetzt ist er tatsächlich da – ich kann es jetzt als grosse Überschrift lesen! 

 

Ich beginne zu schluchzen, genauer gesagt, ich will schluchzen. Aber weinen und laufen gelingt nur bedingt, da beide Aktivitäten meine Atmung erfordern. Von aussen muss ich wohl wie ein verstörtes, gackerndes Huhn aussehen, das eigenartige Laute von sich gibt und schwankend umherstolpert.

Dieses Schild löst unglaublich viele Emotionen aus, als wenn die ganze Anspannung der letzten Wochen in diesem Zeitpunkt von mir abfallen würde.

 

Ich laufe weiter.

 

Das Gackern und die Tränen hören auf, so schnell wie sie gekommen sind. Kurz nach Kilometer vierundvierzig macht sich mein Magen bemerkbar. Mir ist übel und deswegen muss ich das erste Mal in den Gehschritt wechseln. Doch dann beginnt mein Knie zu schmerzen. Schnell entscheide ich mich wieder für den Laufschritt. Nach zwei weiteren Kilometern werden die körperlichen Beschwerden von einem fantastischen, fast schon bedrohlichen Zustand ersetzt.

Es wird ganz ruhig in meinem Kopf. Eine Stille ergibt sich, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Sie breitet sich in meinem gesamten Körper aus, während sie sich mit dem Laufrhythmus vereint. Ich kann meine Lungenflügel beinahe atmen hören und meine inneren Organe scheinen zu schweben… Wenn sich die klugen, modernen Wörter wie «Achtsamkeit» und «meditativer Zustand» so anfühlen, dann bin ich ab sofort ein Fan davon.

 

Von weitem kann ich schon die Überschrift «Ziel» erkennen. Nach fünf Stunden und fünfundzwanzig Minuten ist es soweit: ich überquere die Ziellinie, die ganz unkompliziert über die Hälfte des Weges markiert ist.

 

 

 

Ich geniesse das wohl beste Apfelgetränk überhaupt und verweile im Zielgelände. Als meine Gesprächspartnerin von den ersten Kilometern einläuft, liegen wir uns gratulierend in den Armen. Auch andere Läufer und Läuferinnen gratulieren mir. Vor allem werde ich angesprochen, weil ich die jüngste Teilnehmerin bin und es entstehen berührende Gespräche. Sie alle schenken mir das Gefühl, zu dieser grossen Familie dazuzugehören. Als hätten sie mir ein vorgewärmtes Plätzchen in der Läufer-Gesellschaft reserviert.

Dieses für mich wichtige Gefühl ist nur aus zwei Dingen möglich geworden:

  1. Das Funkeln in meinen Augen bemerken.

  2. Dieses Funkeln ernst nehmen (trotz Zweifel).

Meiner Meinung nach gibt es einen wichtigen Grund, weshalb die Augen zu funkeln beginnen. Es ist wie eine innere Stimme, die den Weg zu deiner persönlichen Gesundung, deinem Wachstum, neuer Lebensqualität oder Erfahrung weist.

Das eigene Leben «ultra» machen, muss nichts mit einem «Ultralauf» zu tun haben. Es gibt unzählige Möglichkeiten. Ein Job, eine Weiterbildung, eine Beziehung, das Schreiben eines eigenen Buches, ein Auslandaufenthalt, das Traumhaus, den eigenen Youtube-Channel, ein Pferd, das Gründen einer Musikgruppe.

Bei welcher Sache beginnen deine Augen so richtig zu funkeln?
Das «Funkeln» ist immer ein Herzensgeschenk von dir – für dich. Bist du bereit, es auszupacken?

In diesem Sinne
Bleib dran – es lohnt sich!

Noémie

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Noémie erzählt - aus ihrem Leben.

Der Blog für den Weg des Gesundens bei emotionaler Instabilität und Depressionen.


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