Introversion als Defekt in der Persönlichkeit?

 

Lange Zeit hinke ich dem Leben nach. Und den Ansprüchen an mich selbst.

Ich versuche, so zu sein wie die meisten in meinem Umfeld.

Redegewandt.

Kontaktfreudig.  

Spontan.

Gesellig.

Unternehmensfreudig.

 

Diese Dinge bloss zu denken raubt mir Energie. Doch ich halte daran fest, dass es der Schlüssel zum Glück sein muss. Leute, die diese Eigenschaften nämlich praktizieren, sehen gesund und erfolgreich aus.

Es beschäftigt mich so sehr, dass ich sie direkt nach ihrem Rezept frage.

«Sei einfach du selbst» wird wiederholt gepriesen.

Ja, mach doch mal, wenn du nicht weisst, wer du bist!

Ich bin genervt. 

Was hatte ich mir denn als Antwort erhofft? Sofort stelle ich meine fragwürdige Vorgehensweise wieder ein. 

Trotzdem erstaunt es mich, warum mich der ganze Aufwand, so zu sein wie die «Erfolgreichen», ermüdet.

 

Ich verstehe mich nicht. Warum kann ich nicht einfach «normal» sein?

Die Antwort findet mich erst nach langer Zeit.

Sehr langer Zeit.

Nach einem Vierteljahrhundert, um genau zu sein.

 

Da praktiziere ich nämlich eine gnadenlose Inventur meiner Person und komme zum ersten Mal mit dem Adjektiv «introvertiert» in Kontakt. Das sollen Menschen beschreiben, die oft und gerne für sich alleine sind. Um genauer zu erfahren, was «das» ist, bestelle ich mir ein Buch darüber im Internet.

 

Ich bin guter Dinge.

Es hat nämlich gute Rezensionen.

Wenige Tage später ist es soweit.

Ich hole es aus dem Briefkasten. 

 

Innerhalb kurzer Zeit lese ich das Buch zweimal. Ich markiere, skizziere, ergänze, hebe Wörter hervor und schnuppere zwischen den Buchseiten (letzteres bringt nichts, mache ich aber trotzdem gerne).

Ich fühle mich vom Inhalt mehr als nur angesprochen.

 

Seit diesem Buch weiss ich, dass ich eine introvertierte Wesensart habe. Und dann – dicht gefolgt – kommt die euphorische Erkenntnis in mein Leben: Aus mir muss keine Rampensau mehr werden!

 

Sieben Wörter.

Sie erleichtern so dermassen!

Mein Leben gewinnt schlagartig an Leichtigkeit und nimmt eine völlig neue Richtung. Eine, die noch viel besser zu mir passt als bisher.

Ich versuche nicht mehr, mich an die laute Aussenwelt anzupassen. Ich beginne, meine leisere Lebensart sogar zu mögen. Denn ich spüre, wie energiegewinnend es ist, mit der eigenen Natur und nicht gegen sie zu leben.

Ich muss nicht an einen überfüllten Strand reisen, um Erholung zu erfahren. Wenn ich mich mit allen Sinnen darauf einlasse, kann ein Spaziergang in den Voralpen zu einem grossen Highlight werden.

 

 

«Du bist so ruhig», «rede doch ein bisschen mehr» oder «alles okay bei dir?» sind Aussagen, die ich oft zu hören bekomme.

Doch sie stören mich nicht mehr.

Es tut gut zu wissen, dass ich nicht schüchtern bin, sondern einfach anders mit Worten umgehe. Ich spreche nur, wenn ich etwas zu sagen habe. Lieber sammle ich Informationen, verarbeite sie in aller Stille und ergreife dann das Wort. In der Rolle der passiven Beobachterin fühle ich mich einfach wohl. Ich höre gerne zu und liebe es, tiefe Gespräche zu führen. 

Smalltalk liegt mir nicht so.

Ich finde es nur bedingt grossartig, mit zehn verschiedenen Personen gleichzeitig Gespräche zu führen, die dann in peinlichem Schweigen enden. Heute lebe ich in einem Umfeld, indem keiner meine Rückzugstendenzen verurteilt. Ich bin stolz auf mein kleines, aber feines soziales Netzwerk.

Ich vergrabe mich jedoch auch nicht wochenlang im stillen Kämmerlein, um Worte in die richtige Reihenfolge zu zwingen.

Wer mich kennt, weiss, dass ich auch mal eine Polonaise starten und Leute unterhalten kann.

Ich bin gerne unter Menschen. Danach brauche ich einfach ausreichend Zeit für mich selbst und das Auftanken im Rückzug. Dieses Verhalten ist nicht gegen meine Mitmenschen gerichtet, sondern für mich. Eine Art Puffer, der zu meiner seelischen Gesundheit beiträgt.

Das ist alles.

 

Kein Defekt in der Persönlichkeit.

Keine neue Diagnose.

Bloss eine etwas andere Definition von Glück.

 

Ich entscheide mich freiwillig, für mich alleine zu sein. Manchmal macht es einfach Spass, die Noémie zu sein. Mit diesem Gefühl komme ich meinem «sei einfach du selbst» immer näher.

 

In diesem Sinne wünsche ich dir viel Genuss auf der Reise zu dir selbst!

 

Noémie

 

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